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„Lübecks Bürgerinnen und Bürger müssen die Möglichkeit haben, alle innerstädtischen Ziele und alle Nachbargemeinden sicher, angstfrei, und komfortabel mit dem Rad zu erreichen, wenn sie dies möchten.“ Mit diesem Satz beginnt die erste der 10 Forderungen des ADFC Lübeck für eine nachhaltige Förderung des Radverkehrs. Der soeben veröffentlichte Verkehrssicherheitsbericht der Polizeidirektion Lübeck für das Jahr 2019 zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, wie weit Lübeck von diesem Ziel noch entfernt ist.

632 Fahrrad- und Pedelec-Unfälle wurden 2019 polizeilich erfasst, das sind 34 mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 2009. Bei fast allen erfassten Radunfällen wurden Radfahrende verletzt, 4 wurden getötet, das ist die höchste Zahl seit 2006. 2013 hatte der Runde Tisch Radverkehr das Ziel formuliert, bis 2020 den Anteil des Radverkehrs an allen Wegen auf 25% zu steigern, und gleichzeitig die Zahl der verunglückten Radfahrer gegenüber dem Stand von 2011 (561 Verunglückte) zu halbieren. Stattdessen ist die Zahl der verunglückten Radfahrer gegenüber 2011 um 13% gestiegen. Worin liegen die Ursachen?

Radfahren verbessert die Gesundheit und steigert die Lebenserwartung, es entlastet die Umwelt, und es ist sowohl für die öffentliche Hand als auch für die Verkehrsteilnehmer sehr kostengünstig. Seit einigen Jahren werden die Stimmen aus Medien, Politik, und Verwaltung lauter, die sich für eine gezielte Förderung des Radverkehrs einsetzen – auch in Lübeck. Diese Entwicklung ist grundsätzlich sehr positiv zu bewerten. Leider führen diese Äußerungen bisher fast nirgends zu echten Verbesserungen der gebauten Wirklichkeit. Sogar von elf Umbauten oder Neubauten von Radwegen aus den letzten zwei Jahren erfüllte lediglich der neue Weg entlang der Travemünder Landstraße in jeder Hinsicht die Anforderungen der verbindlichen technischen Regelwerke; alle anderen verfehlten diese Anforderungen mehr oder weniger deutlich, oder sie kollidierten – wie im Fall der Roeckstraße – mit den Bedürfnissen der potenziellen Nutzerinnen und Nutzer.

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Schon vor Jahren hat die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen in einer ausführlichen Untersuchung nachgewiesen, dass die Nichteinhaltung der technischen Regelwerke das Unfallrisiko für Radfahrende steigert. Vor diesem Hintergrund ist – neben den stark wachsenden Verkaufszahlen – die deutlich zunehmende Beteiligung von Pedelecs am Unfallgeschehen zu interpretieren. So hat auf Lübecks schmalen und unebenen Wegen die Zahl der Stürze drastisch zugenommen; auch zwei der vier tödlichen Unfälle waren Alleinunfälle mit Sturz, in beiden Fällen waren beträchtliche Mängel an der Wegeinfrastruktur vorhanden. Deutlich abgenommen haben dagegen die Unfälle aufgrund von Linksfahren und unter Alkoholeinfluss. Insgesamt waren 41% der Radunfälle mit mehreren Beteiligten durch die Radfahrenden verursacht, 59% durch ihre Unfallgegner.

Die Hansestadt Lübeck hat sich zum Ziel gesetzt, im Rahmen ihres Klimaschutzprogramms den Radverkehrsanteil an allen Wegen bis 2030 zu verdoppeln. Dieses Ziel erscheint grundsätzlich erreichbar, jedoch nur wenn bis zu diesem Zeitpunkt die Radfahrbedingungen in Lübeck von den potenziellen Nutzerinnen und Nutzern ohne Einschränkung als gut angesehen werden. Tatsächlich werden zurzeit Lübecks Radwege in den Kategorien Sicherheit und Komfort durchschnittlich mit „mangelhaft“ benotet. Angesichts jahrzehntealter Qualitätsmängel müssen im genannten Zeitraum fast alle Radwege grundlegend saniert und konsequent den geltenden Bestimmungen angepasst werden. Wo dies nicht möglich ist, müssen z.B. durch geschützte Fahrbahnführungen oder Verkehrsverlagerungen sichere und attraktive Alternativen geschaffen werden. Dieses Programm entspricht einem erforderlichen Um- oder Neubauvolumen von rund 20 Kilometern jährlich.

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Neben der Baubehörde sind aber auch die Ordnungsbehörden gefragt. Unfallflucht und aggressives Verhalten im Straßenverkehr nehmen nach dem Polizeibericht deutlich zu. Geh- und Radwege oder Radspuren werden regelmäßig zum Abstellen von Kraftfahrzeugen genutzt, ohne dass ein behördliches Eingreifen in nennenswertem Umfang wahrnehmbar ist. Ebenso wenig wird bislang die Einhaltung des seitlichen Sicherheitsabstandes beim Überholen von Radfahrenden kontrolliert. All dies gefährdet Radfahrende; mindestens genauso schlimm ist es, dass hierdurch zahlreiche Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt daran gehindert werden, regelmäßig Rad zu fahren – mit allen daraus erwachsenden nachteiligen Konsequenzen. Deutschlandweit verzichtet jeder Sechste auf das
Radfahren, weil es ihm zu gefährlich erscheint; anhand der Qualitätsbewertungen und auch von Gesprächen ist anzunehmen, dass dieser Anteil in Lübeck noch höher liegt.

Schließlich sei noch an die beiden tödlich verletzten Pedelec-Fahrerinnen erinnert, die von
rechtsabbiegenden Schwerfahrzeugen überrollt wurden. Bundesverkehrsminister Scheuer versucht zurzeit einen EU-Beschluss zu erwirken, welcher den Kommunen die Möglichkeit einräumt, das Rechtsabbiegen von Lkw ohne Abbiegeassistent zu verbieten. Falls dieser Beschluss gefasst wird wäre Lübeck gut beraten, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Jede andere Entscheidung wäre dann völlig unverständlich.

Der ADFC würde sich freuen, wenn diese Vorschläge von den Entscheidungsträgern aufgegriffen und umgesetzt werden. Für Gespräche steht der Kreisverband gern zur Verfügung.

 

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