Nav Ansichtssuche

Navigation

2018 07 03 Strößenreuther 1200x800Fahrrad-Aktivist Strößenreuther
zu Gast in Kiel

 

Heinrich Strößenreuther ist Deutschlands bekanntester Fahrrad-Aktivist und Initiator des bundesweit bekannten Berliner „Radentscheids“. Am 3. Juli 2018 hielt er in der Landeshauptstadt Kiel einen packenden Vortrag, mit der er dem Publikum im Saal „Mut zur Verkehrswende“ machen wollte.

 

Im Rahmen eines von der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) organisierten "Fahrrad-Tages" vertrat Strößenreuther die Auffassung, dass Städten und Gemeinden nur noch ein kleines Zeitfenster bleibe, um die für Mensch und Umwelt notwendige Verkehrswende in Richtung nachhaltiger und klimaverträglicher Mobilität einzuleiten und eine sofortige Abkehr von der autogerechten Stadt zu vollziehen.

Die von ihm vorgelegten Zahlen machen deutlich: für Entfernungen bis 15 km ist es notwendig, Menschen aus den Bussen und Autos heraus auf das klimafreundliche und emissionsfreie Fahrrad zu locken, um Platz für dann ebenfalls nachhaltigen Langstreckenverkehr zu schaffen, der multimodal – also durch eine Kombination unterschiedlicher Verkehrsträger - abgewickelt werden müsse.

Dies alles gehe nur mit attraktiven Rad(schnell)wegen und Velorouten. "Wir müssen das auf die Reihe kriegen! Wir haben nur noch zehn, maximal fünfzehn Jahre Zeit, um den GAU für unsere Städte zu vermeiden.“, so Strößenreuther. Daher sei mehr Radverkehr systemrelevant für Städte und Gemeinden.

Um die gewünschten Effekte zu bewirken, müsse es nach seinen Berechnungen zukünftig drei bis viermal mehr Radverkehr geben. Dafür sei es zum einen notwendig, einer vielfach zögerlichen und ängstlichen Verkehrspolitik argumentativ den Rücken zu stärken und zum anderen den bestehenden Flächenkonflikt massiv zuzuspitzen.

„Pareto optimum“ nennt Strößenreuther diesen Zielkonflikt: keiner bekomme mehr Platz, ohne dass er anderen weg genommen werde. Entsprechende Straßenplanungen müssten (wie z.B. in Holland) von außen nach innen, also von der jeweiligen Hauswand zur Mitte der Straße erfolgen, um zukünftig eine gerechte Flächenverteilung für unterschiedliche Verkehrsarten hinzubekommen.

Zahlreiche VertreterInnen aus dem ADFC-Landesvorstand (darunter der Landesvorsitzende Thomas Möller) und verschiedenen ADFC-Gliederungen verfolgten den Strößenreuthers Vortrag  mit großem Interesse und ungeteilter Aufmerksamkeit.

Dem flächeneffizientesten und umweltfreundlichsten Verkehrsmittel – dem Radverkehr – werde derzeit zu wenig Raum gewidmet, hieß es weiter. Um dies zu ändern, sprach sich Strößenreuther unter anderem für kreatives Campaigning und eine wirksame Presse- und Öffentlichkeitsarbeit aus. Denn letztlich gehe es dabei, so Strößenreuther, um einen „beinharten Verteilungskonflikt“.

Trotz intensiver Bemühungen verschiedenster Interessengruppen und Lobbyverbände hatte sich jahrzehntelang in dieser Frage wenig bewegt. Strößenreuthers konsequentes Vorgehen jedoch zeigt Wirkung. Dank ihm – dem Vollzeit-Robin Hood des Berliner Radgesetzes – seiner vielen ehrenamtlichen HelferInnen und eines bundesweiten Netzes von NachahmerInnen nimmt die Sache inzwischen  immer mehr Fahrt auf: ein Umdenken in Sachen Mobilität hat begonnen.

Einer KfW-Studie zufolge sind die Deutschen zu der dringend notwendigen Verkehrswende längst bereit: 81% der befragten Deutschen zwischen 18 und 67 Jahren halten demnach ein Umdenken und Handeln zugunsten des Klimaschutzes für notwendig, etwa durch klimafreundliche Antriebstechnologien, Verbesserung der öffentlichen Verkehrsnetze oder den bewussten Verzicht auf das Auto. Fast ebenso viele Interviewte forderten die Politik zur einer Verbesserung der entsprechenden Rahmenbedingungen auf.

Der durchschlagende Erfolg des Berliner „Radentscheids“, der in der Bundeshauptstadt nach nur zwei Jahren die Verabschiedung des deutschlandweit ersten Mobilitätsgesetzes zur Folge hatte, gibt Strößenreuther jedenfalls recht. Völlig verdient gewann das Projekt seiner Agentur „changing cities“ in diesem Jahr den Deutschen Fahrradpreis in der Kategorie „Kommunikation“.